In der Tat: „Vertrauen ist der Anfang von allem“. Die allenthalben zitierte Werbebotschaft der Deutschen Bank aus dem Jahr 1996 darf als beispielhafte Metaszenografie für die Inszenierung von Vertrauen gelten. Und sicher nicht der Slogan, sondern erst der Spot zum Claim vermittelt die Message zum Medium. Die Bank gab sich darin optimistisch. Offenbar mochte sich zu dieser Zeit niemand vorstellen, dass die Selbstinszenierung eines Kreditinstituts einmal nicht mehr auf die soziale Evidenz der Kreditierung durch Vertrauen würde vertrauen dürfen. Zu Recht, wie man heute sagen kann. Das sollte nicht überraschen. „Aus dem Nichts wieder aufgebaut. Geteilt und zusammengefunden. Viel erlebt und viel erreicht – und gut gerüstet für die Zukunft“. In diesem Sinne gratuliert die Deutsche Bank sich selbst Mitte Mai 2009 zum 60sten Geburtstag der Bundesrepublik. Mitten in der „tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg“ sind die Börsenkurse der Bank mit dem Namen dieser Republik im Laufe dreier Monate um 140% gestiegen. Ist man, geschockt von der so genannten Finanzkrise, in Kritiker wie Analystenkreisen geneigt zu behaupten, dass Kreditierung sich nicht im Himmel sondern auf der Erde gesunder Absicherung durch die „Realwirtschaft“ abspielen müsse, wenn solche „Fehlentwicklungen“ verhindert werden sollen, zeigen Kurs, Kredit und Schulden doch schlagend, dass im Gegenteil solch´ materialistische Überzeugung die Mystifikation darstellt. Eine systematische Verkennung. Bestechend indes, dass weder die gegenwärtig grassierenden Diagnosen noch die damit einhergehenden Ratschläge zur Krisenbewältigung ernsthaftes Interesse an der Realität des Phantasmas indizieren. Statt dessen wird die durch nichts zu begründende Hoffnung genährt, dass solcher Fetischismus nur zeitweilig und quasi aus Versehen zum Zuge gekommen sei und alles schnell wieder in Ordnung komme, wenn der Kredit nur an die Reichtumsproduktion in Gestalt realer Güter gebunden werde.
Früher schon als die derzeit weltweit galoppierende „Neuverschuldung“, die die Krisenanalysen karikiert, hätte der Dreißigsekünder der Deutschen Bank aus den 90er Jahren uns eines Besseren belehren können.
Es handelt sich offensichtlich nicht um eine neue Verschuldung. Denn Vertrauen ist der Anfang von allem. Die Geschichte führt uns zwei wichtige Dinge vor Augen. Zum einen werden wir darauf hingewiesen, dass in Ereignis und Erleben wenig Platz ist für ´inszeniertes´ Vertrauen, also auch nicht für Kalkulationen und Risiken, soweit sie zu ihm zu gehören scheinen. Dort, wo wirkliches Vertrauen herrscht, muss und soll dies immer das ganze Vertrauen sein, dasjenige das als emotionale wie rationale Befindlichkeit gerade notwendig und hinreichend ist, Handlung und Urteil zu bemessen. Deshalb muss es immer den gesamten Vertrauensvorrat einer Person ausschöpfen. Ob in persönlichen Verhältnissen oder unter den Bedingungen geforderten „Systemvertrauens“ (Luhmann). Niemand kann ein bisschen vertrauen; dies hieße nichts anderes als zu misstrauen, mit allen Folgen. Zum anderen wird uns gezeigt, dass solche Empfindungs- und Überzeugungsbefindlichkeiten wie Vertrauen nicht nur als uns anstehend zu gelten haben – denn nichts entbindet die Akteure im gesellschaftlichen Verkehr davon sich vertrauenswürdig zu geben – , sondern ebenso als bildbar, herbeiführbar. Die Dialektik von Vertrauenserweis und Vertrauensbildung besteht nun gerade darin, die Bildung auf dem Weg der Gestaltung von Evidenzen des Erweises zu betreiben. Wir lernen, dass die eingesetzten Darstellungs- und Überzeugungsmittel sowohl beispielhaft sind als auch selbstbezüglich. Denn die Aufführung passender Szenen zeigt sich nicht nur im Bildraum exemplarischer Inszenierung. Die Inszenierung betrachtet die von ihr verantwortete Aufführung nicht allein als Projektion einer für die Zukunft erwarteten Wiederholung in die Vergangenheit gegenwärtig erlebter Vertrautheit im phantasierten szenischen Raum einer familiären Bindung mit dem Vater als erstem Signifikanten. Die paradigmatische Ordnung der Familie, inszeniert als Evidenz sozialer Systembeziehungen nicht weniger denn als Evidenz kreditierter Kredit- und Schuldbeziehungen, empfiehlt als passende Haltung ein Zugleich von Regression und Sublimation. Der Vater, der die Mutter verbietet, will den Söhnen weismachen, dass es nichts aufzurechnen gäbe, dass alles Gabe sei. Sie sollen sich fühlen wie die Säuglinge und handeln wie die Nachfolger, die ins Geschäft der Erwachsenen eintreten. Als Kind gleichsam soll der Konsument zugleich die Rolle des verantwortlichen Partners geben, um sich dann wiederum wie ein Kind dem naiven Vertrauen gegenüber den Phantasmen des Kapitals zu überlassen. Die mediale Demonstration ist hier wie sonst zugleich inszenierte Praktik, Praxis einer Inszenierung, in diesem Sinne Manifestatio, die als solche immer ein massives performatives Interesse am tätigen Vertrauen aller Beteiligten geltend macht. Echtem Vertrauen. Hierfür stet die Szene des Anfangs. Das Bild des Vaters, der mit dem Sohn an der Hand durch den sonnendurchfluteten Hochwald wandert, transportiert alle Evidenzen eines Claims, die dieser selbst mit der Unzulänglichkeit eines jeden Satzes verliert. Das Kind hängt an den Lippen des Vaters. Der Vater erklärt ihm die Welt. Das Vertrauen ist eines von Anfang an, ursprünglich, ungetrübt, natürlich. Vor jeder Anstrengung der Semiose, vor jeder Gefährdung durch Objekt und Symptom. Die Inszenierung, zu der die Szenografie hier bestimmt, gilt einer Szenifikation, die ganz bei sich ist, die nur diejenigen, die der Szene beiwohnen, interessiert und die alles andere vergessen macht. Keine Gedanke an dramaturgische oder medientechnische Effekte, manipulative Absichten. Sichanvertrauen in diesem Sinne heißt auch zuzugeben, dass das alles so passt, wie es mir erscheint, vielmehr passte, wie es mir erschien. Zweifellos lässt sich das nur in einer Ersten Person sagen, später. Es ist das Identifikationsmerkmal dieses Vertrauens, dass es, einmal gefasst, das vage Bewusstsein einer veranlassenden Szenografie, die damit möglicherweise einhergehende Skepsis gegenüber der Hergestelltheit des Erlebnisses, gar ihren Zwecken, zugunsten der szenischen Performativität des Ereignisses hic et nunc vergessen macht. Die Zeit ist außen vor und mit ihr das Risiko. Vergessen im Maße der sinnlich emotionalen und sachlichen Überzeugungskraft dessen, was gerade ist, gespielt wird, mir widerfährt. Und deshalb ist ein Bewusstsein von Intendiertem, fremden oder eigenem, dort nicht anwesend. Und wenn es sich meldet, liegt regelmäßig der Grund vor, dass es nach seiner Berechtigung fragt, mithin eine Störung anzeigt. Wir haben es mit der Tatsache eines ´Phänomens´ zu tun, dessen Phänomenalität in seinen Effekten liegt, zu denen gehört, im Ereignis selbst nicht zu erscheinen.
Die Inszenierung von Vertrauen, die auf diese Weise nun aber offenkundig in Szene gesetzt wird, erweist zugleich mit der Etablierung einer Möglichkeit szenischen Erlebens die damit verbundene Notwendigkeit der Erzeugung von Vertrauen in die Inszenierung und die Szenografie desselben. Die Evidenz der Bildkraft ist einer der Effekte diese Phänomens, das sowohl Resultat ist der Ästhetisierung der Botschaft im Entwurf als auch der Reästhetisierung der Inventio in der gelebten Praxis der Szene. Letztere aber entscheidet allein über das, was sie ist und aus ihr wird, ihren ´Erfolg´. Zwischen beiden aufgespannt sind Raum und Zeit, weswegen Topologie und Geschichte beitragen müssen, die Verhältnisse zu entwirren. In der Varianz des Signifikanten taucht das Phänomen, das selbst nicht erscheint, auf als ein Effekt der Evidenz solchen Ereignens und Erlebens am Ort des Ereignisses. Darum ist „Vertrauen der Anfang von allem“. Am Ende des Spots, die Bilder sind gegangen, denn die Realität des Geldes ist abstrakt, bleibt davon nur ein Satz, ein Wort. Doch ist das Menetekel noch nicht ausgesprochen und nicht an die Wand geschrieben, da ist es schon verblasst, verschwunden und an seiner Stelle erscheint das Bild des Anfangs, der ursprünglichen Szene des Vertrauens, welche die Wahrheit des Wortes ist, notwendig ein Schein. Am Anfang war das Bild.
Zwischen diesem Anfang und jenem Ende, das sich nur vom Anfang her versteht, finden wir die Variationen und Gestalten des Vertrauens, die zu erörtern das Symposium sich vorgenommen hat. Betonen wir das Vertrauen mehr und weniger die Offensive einer Vertrauensoffensive, besagt das ´Gesetz des Vertrauens´ – so zeigt es die Deutsche Bank – , dass Vertrauen nicht mit Vertrauensbildung sondern mit Vertrauenserweisen zu beginnen habe, quasi mit einer Demonstration, zur Gemeinschaft der Zivilisierten zu gehören – auf die man vertrauen. Man kommt quasi nur zu Besuch, teilt höflich Präsente aus und darf erwarten, dass sich die Beschenkten anständig, des Vertrauens „würdig“ benehmen. Schließlich haben sie es gelernt und sind es gewohnt. Wann immer sich Gelegenheit findet wird, das Präsent als Surplus in Rechnung zu stellen, wird, wer früh beginnt, die Posten zu sammeln, befriedigt feststellen können, dass er vordem zu Recht auf die Zukunft setzte. „Die „rituellen Gaben nämlich sind bereits Symbole in dem Sinne, indem ´Symbol´ einen Vertrag bedeutet [...], nicht für den Gebrauch bestimmt“. (Lacan) Was jeder weiß, der sich des medialen Überangebots an „Werbegeschenken“ bald nicht mehr erwehren kann. Aber fürs zukünftige Geschäft, das erst einmal kreditiert werden will, zählen sie doch. Und der Anfang von allem ist – Vertrauen. So setzt die Gabe einen Anfang, damit die Offensive beginnen kann. Denn Vertrauensoffensiven sind eben auch Offensiven. Und da hat der Kredit, vorübergehend objektiviert in einem Symbol vermeintlichen Tauschs, am Ende den Kreditnehmer auf der Rechnung. Nicht der Gegenstand der Verhandlung, vermeintliches Geschenk, dann aber doch Ware, ist Opfer, sondern der Partner im Vertrag kann leicht dazu werden.
Je nach dem, ob „Offensive“ die Metapher und „Vertrauen“ die gemeinte Haltung bezeichnet oder „Offensive“ die gemeinte Haltung apostrophiert und Friede zur Metapher wird, changiert die Oberfläche der medialen Strategie. Zusammengenommen erscheint ein Paradox, ein realistisches Paradox allerdings. Denn es beschreibt nichts als die Wirkung eines realen Scheins: dass die Handlungszwecke des Szenografen wie seiner Auftraggeber nur erreicht werden, wenn sie verborgen bleiben, und statt des intendierten Gewinns die eigene Verausgabung erscheint. An der Erfindung solchen Scheins, offenbar Bedingung eines „reflektierten Sicheinlassens auf Fiktionen“ (Luhmann), kann die Inventio die Szenografie niemals sparen. Schon fürs eigene Vertrauen ins „System“ braucht sie ihn.
Schaut man auf einen Anfang, der zugleich Ende ist, ein Ereignis medialer Präsenz und Performanz, mag sich die Unterhaltung für einen Augenblick tatsächlich als Verausgabung brüsten. Schließlich kostet die Produktion. Das in einer Darstellung hingegen mit jedem „Anfang“ hypostasierte „Ende“ erweist derartiges ´Opfer´ schon als auf Dauer intendiertes Verhältnis – friedlicher oder weniger friedlicher Art, berechenbare Regelungen antizipierend, gewaltsame Austragung aber keineswegs ausschließend. Denn „zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt“. (Marx)
Deshalb zu glauben, die Wahrheit eines jeden Geschenks wäre seine Waffe, verkennt wiederum die Struktur des Signifikanten. Es zählt die Realität des Scheins, nicht die Kritik der Täuschung. Will man von Anfang an nur Kalkül sehen, wo normalerweise zu kalkulieren noch gar kein Grund besteht, wird man wie Luhmann davon sprechen, dass der Vertrauende dem Partner, den er gewinnen möchte, immer eine „riskante Vorleistung“ (Luhmann) entgegen bringen muss. Doch derart eigensinnig werden wir keinen Zugang zum Vertrauen finden. Denn zu vertrauen heißt ohne Zweifel allererst: keine Kalkulation, keine Bilanz, kein Risiko. Dafür leibliche Präsenz ohne Schuld oder Verschuldung. Indes, szenisch leibliche Präsenz bedeutet nicht, dass Verletzung ausgeschlossen wäre. Im Gegenteil. Aber es bedeutet die Möglichkeit, sie zu überstehen. Des Vertrauens wegen. Wenn ohnehin nur Verlust und Gewinn, Kalkulation und Bilanzierung auf der Agenda des Vertrauens stünden, warum dann der inszenatorische Aufwand für die szenische Performanz „spontanen Vertrauens“? Warum nicht dann nur überzeugende Rechenbeispiele? Weil die Szenografie des Vertrauens weiß, was jede Szenografie eines Ereignisses weiß, dass sich im Ereignis entscheidet, was ihr Effekt ist. Was zu begründen vermag, dass die Strategie zu vertrauen ihr Vertrauen besitzt, um vertrauen zu machen. Vertrauen ist der Anfang auch von Vertrauen. Und nur deshalb ist die Figur so bedeutsam für das Geschäft der Inszenierung und eine Szenografie des Vertrauens, die solche Geheimnisse wirken lassen kann und will, ohne sie zu verheimlichen. Und zweifellos auch damit Vertrauen schafft.
Wie kann es sein, dass das Vertrauen ins Vertrauen für den Zusammenhalt der Systeme so bedeutsam werden kann – so bedeutsam, dass unter diesem Gesichtspunkt überhaupt nur noch die Vertrauensbildung und die damit einhergehenden Wetten und Berechnungen ins Gewicht einer systemischen Soziologie fällt – , ohne dass die Verdrängung der Gründung desselben im naiven ´Vertrauen der Schwäche´ zu entsprechenden individuellen und sozialen Neurosen führt? – Auch dass sollte eine Dimension der Diskussion des Kolloquiums sein.
Heiner Wilharm
Link:
Alexander Kluge über Vertrauen (Interview, YouTube)